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Abgelaufene Praline

Es gibt kein vernünftiges Argument, Frauen kollektiv früher in die Pension zu schicken.
Es gehört zum Elend der Debatten-Kultur, dass jede Diskussion mit dem Blei der Ideologie überfrachtet ist und Ideologie hierzulande heißt immer: Partei-Ideologie. Man argumentiert in Reflexen, ohne je zu einer gemeinsamen Reflexion zu gelangen. Man prüft nicht, ob ein Standpunkt klug oder vernünftig ist, man prüft, woher er kommt. So erschöpft sich jeder Diskurs im fruchtlosen Aufeinanderprallen von Phrase und Gegenphrase, Reiz und Gegenreiz. Das war so in der Frage, ob Schulkinder etwas länger beisammen bleiben sollten, und das erleben wir jetzt, reziprok, beim Vorstoß der ÖVP-Bünde, das Pensionsalter von Mann und Frau flinker anzugleichen.

Österreich will sich für die Beseitigung der Anomalie _ Männer gehen gesetzlich mit 65, Frauen mit 60 _ ein Viertel- jahrhundert Zeit lassen. Das ist rechtlich, frauenpolitisch und budgetär ein ziemlicher Unfug, auch wenn er in der Verfassung steht. Die alte Praline der Frauenbewegung hat längst einen üblen Beigeschmack. Man riecht das Ablaufdatum. Frauenarbeit ist nicht mehr Fron auf unterster Stufe, die mit einem früheren Ausscheiden aus dem
Erwerbsleben kompensiert werden muss. Die Bildungstempel sind weiblich, und die Karrieren sind es zunehmend auch. Wo Ungerechtigkeiten wuchern, bei ungleicher Entlohnung gleicher Arbeit etwa, gehören sie bekämpft, aber nicht durch das Festhalten an einer anderen Ungerechtigkeit.

Das Argument von SPÖ und Grünen, raschere Angleichung könne erst erfolgen, wenn es keine Benachteiligung mehr gebe, ist ein Bumerang. Es erlaubt den Gestrigen, patriarchalische Reststrukturen mit dem jovialen Hinweis auf das Pensionsprivileg zu zementieren. Ein Privileg ist es ohnedies nur, wenn man Arbeit und Beruf als Beschwerung des Lebens ansieht und nicht als etwas, das ihm Erfüllung gibt. Viele qualifizierte Frauen erleben das Früher-gehen-Dürfen als Müssen. Sie gehen im Schnitt mit 57, mitten im Leben stehend. Sie fühlen sich jung und sehen auch so aus. Sie fragen sich, was emanzipatorisch daran sein soll, länger zu leben und früher heim zu müssen. Sie wüssten gerne, warum sie sich bei den Frauensprecherinnen bedanken sollten, von Karrieresprüngen ab 50 abgeschnitten und in
eine niedrig dotierte frühe Pension befohlen zu werden.

Siebenhundert Millionen würde sich der Staat pro Jahr ersparen. Ein Teil könnte in die Aufwertung der Erziehungsjahre fließen und in Betreuungseinrichtungen. Man könnte natürlich auch am ungleichen Pensionsalter festhalten und auf Tunesien, die Türkei und Usbekistan verweisen. Die schicken die Frauen auch vorzeitig heim. Sie sagen nur nicht: den Frauen zuliebe. 
Quelle OTS | Kleine Zeitung
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