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Warum wir gerne die Raunz-Kultur pflegen

Nörgeln, raunzen, schlechtreden: Trotz positiver Prognosen ist vielerorts die Stimmung mies. Dabei ist gerade dieser Blues schlecht fürs Business. 
Dunkelgrau – nicht selten ist das die Stimmungslage der Österreicher. Und die vergangenen neun Jahre passten perfekt dazu: schlechte Wirtschaftsdaten, ein angeschlagener Arbeitsmarkt, die Konjunktur dümpelte vor sich hin. Genügend Stoff für trübe Laune. Man musste erst gar nichts schlechtreden, man konnte sich ungeniert über die vorhandenen miesen Leistungen von Wirtschaft und Politik auslassen.

Und jetzt? Die Wirtschaftslage bessert sich, erstmals seit Langem zeigen alle Prognosen deutlich nach oben. Wie geht’s der österreichischen Seele damit? Sie kann dieses Glück nur schwer ertragen. Denn wir Österreicher, wir lieben den Blues.

Löcher im Käse
Die Österreicher hätten geradezu einen Zwang, die Löcher im Käse zu sehen, sagt Unternehmensberater Matthias Prammer, der sich mit seinem Unternehmen "Die Umsetzer" unter anderem mit der Stimmung in Organisationen beschäftigt. Er sieht den Grund im Nörgeln darin, dass es Organisationen in Österreich heute schlicht zu gut gehe. "Sie sind verwöhnt. Wir alle haben nie einen richtigen Mangel erlebt. Wenn du richtigen Mangel erlebt hast, hast du einen gewissen Hunger – und der fehlt uns." Er bestreitet nicht, dass es in der heimischen Wirtschaft noch vieles zu tun gäbe und dass nicht alles perfekt sei. "Aber es ist uns noch nie so gut gegangen, wie jetzt."

Das Raunzen im Job und in der Wirtschaft konzentriere sich seiner Ansicht nach auf einen ganz besonderen Bereich: auf das, was wir gar nicht beeinflussen können: "Wir verschwenden viel Energie auf Dinge, die wir nicht verändern können. Man begibt sich zu gerne in die Opferrolle, anstatt sich mit Dingen zu beschäftigen, die man selbst verändern könnte." Vor allem große Organisationen würden Mitarbeiter dazu verleiten, leicht in eine Opferrolle zu schlüpfen. Warum? "Alle sind gern arm, in der Rolle fühlt man sich wohl. Es ist ein selbstnährender Kreislauf, keiner muss Verantwortung übernehmen."

Stress
Auch Neuropsychologe, Stress-, und Verhaltenstherapeut Karl Kriechbaum sieht ein Problem im Geraunze in den heimischen Unternehmen. Die Ursachen für das Gejammer auf hohem Niveau sieht er vor allem in der kollektiven Reizüberflutung. Er holt aus: Dank der schnellen Verfügbarkeit von (negativer) Information wirkten schlechte Nachrichten von Finanzkrisen, Terror oder unberechenbarer Politik heute emotional "wesentlich stärker und nachhaltiger, als sachliche Statistiken." Auch, wenn diese positiv seien.

Er nennt drei Faktoren, warum schlechte Stimmung schlecht fürs Ergebnis ist: "Raunzer und Nörgler sind in der Regel nicht besonders attraktiv für ihre Mitmenschen, sie wirken weniger kompetent, leistungsfähig und erfolgreich, was sich auf ihre Arbeit und auf die Zusammenarbeit schädlich auswirkt." Faktor zwei: Miese Stimmung beeinträchtige die persönliche Leistungsbereitschaft und -fähigkeit. Und Grund Nummer drei: "Raunzen, Nörgeln und die daraus resultierende Missverständnisse und Konflikte stören die Kommunikation, die Kooperation und die Arbeitsprozesse. In Summe wirken sich negative Gedanken und Emotionen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen nachteilig auf die individuelle und kollektive Produktivität aus".

Steckt es in den Genen?
Es gebe zahlreiche notorische Nörgler, die auch bei guten Lebensumständen aufgrund ihrer kindlichen Neurotisierungen hadern, jammern und schwarzmalen. "Und das oft völlig unbewusst, ohne Vorsatz, ohne es überhaupt zu merken", erklärt Psychologe Kriechbaum. Es seien die Opfer der Kinderstube, die, überspitzt gesagt, später zu "Tätern am Arbeitsplatz" werden.

Also doch kein rein österreichisches Phänomen? "Raunzen steckt nicht in den Genen", beruhigt Kriechbaum. Es entwickle sich durch Lernen. "Das Verhalten von Bezugspersonen wie Eltern und Verwandten werde unbewusst kopiert und sukzessive verinnerlicht. Die österreichische, insbesondere die Wiener Raunz-Kultur wird somit von Generation zu Generation sehr erfolgreich weitergegeben."

Kriechbaum resümiert: " Österreicher liegen in den weltweiten Rankings immer noch ganz gut. Und: Etwas weniger negative Einstellung und etwas mehr Selbstregulierung und Erfolgsorientiertheit würde uns wohl in diversen Disziplinen auch wieder sehr gut werden lassen.
Quelle kurier
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